Die Hüllen nach der Geburt

Sie beschützen, nähren und halten das Ungeborene.
Nach der Geburt ist es elementar, die einzelnen Hüllen zu ersetzen.
Mit der Geburt verlässt das Kind seine schützende und nährende Umgebung.
Zum ersten mal ist es haltlos, spürt keine unmittelbare Begrenzung mehr und ist 
nicht länger Teil der rhythmischen Abläufe, die die Organe im Mutterbauch vorgeben.


Für einige Zeit ist es nun die Aufgabe der Eltern und auch der engen Bezugspersonen, 
diese Hüllen zu ersetzen und die Bedürfnisse des Kindes zu erkennen und zu erfüllen.
Manche Hüllen, die ihnen dabei helfen, ruhiger in der Welt anzukommen, legen Kinder 
häufig schon nach wenigen Wochen ab.
Andere Hüllen brauchen die Kinder oftmals bis in die Pubertät hinein.
Werdende junge Eltern oder anderen Bezugspersonen fällt es manchmal schwer zu 
verstehen, was ein kleines Menschenkind braucht.
In solchen Situationen hilft ein gemeinsamer Blick auf die Hüllen, die das Kind im Mutterleib
umgeben haben, um den Eltern dessen Bedürfnisse leicht und einprägsam zu vermitteln.

Die Grundidee dazu stammt von Werner Hassauer. 
In seinem Buch „Die Geburt der Individualität“ beschreibt der Gynäkologe die Erlebnisse des Kindes bei seiner Geburt als ENTHÜLLUNGS ERLEBNIS.
Hassauer setzt sich unter anderem intensiv mit Atmung, Temperatur, Raum und Zeit sowie dem Geburtsschmerz und dessen Schwere auseinander.

Zu Beginn meiner Hebammenarbeit (1999) hat mich das Buch für die Geschehnisse rund um die Geburt für das Neugeborene sensibilisiert.

Mir ist klar geworden, dass nicht nur wir Hebammen diese Sensibilität bei unserer Arbeit brauchen, sondern dass in erster Linie die Eltern ein Bewusstsein für das Erleben des Neugeborenen brauchen!!

Vernix als erste Hülle

Die Vernix caseosa (Käseschmiere) ist die erste Hülle, die das Kind im Mutterleib umgibt. Sie schützt seine Haut vor der aufquellenden Wirkung des Fruchtwassers. Ist sie in den ersten Tagen noch ausreichend vorhanden, so schützt sie die empfindliche Babyhaut davor, auszutrocknen.

Mit ihrer antimikrobiellen Wirkung schützt sie die Haut zudem vor Infektionen. Spätestens nach einer Woche nehmen die Schutzfunktionen der Vernix ab. 
Viele Babys sind bis dahin schon einmal gebadet worden.
Die Haut des Babys benötigt weiterhin Schutz. Mit einer auf die Babyhaut abgestimmten Pflege können Eltern sie vor äußeren Einflüssen bewahren.
So kann sich die durchlässige Hülle des Babys in Ruhe an die neue Umgebung anpassen und sich nach dem Motto „so wenig wie nötig“ gesund entwickeln.
Die Haut eines Babys ist etwa fünfmal dünner als Erwachsenenhaut.
Zwar besteht sie aus der gleichen Anzahl an Hautschichten, diese sind jedoch deutlich dünner und bieten einen weitaus geringeren Schutz.
Ursächlich dafür sind eine verminderte Schweißbildung, inaktive Talgdrüsen, eine dünne Hornschicht, eine geringe Verzahnung von Epidermis und Lederhaut sowie kürzere und dünnere Kollagenfasern.
Mit dem Blick auf die unreife Babyhaut, ist es mir wichtig, die Haut zu schützen und ihr gleichzeitig durch ausgewählte Pflegeprodukte den Raum zur gesunden Entwicklung zu geben.

Empfehlung meinerseits: naturbelassene Pflegeöle (kbA): wie Avocadoöl, Calendulaöl, Nachtkerzenöl, Muttermilch…, ebenso sollten nur naturbelassene Materialien auf die Babyhaut, wie Wolle, Seide, Baumwolle..

Fruchtwasser als zweite Hülle, 

bietet Wärme und Schutz. Hautnah umgibt das Fruchtwasser das Baby rund 40 Wochen lang.
Es wärmt und gibt ihm den Platz, den es zur Entwicklung braucht. Gleichzeitig schützt es das Kind vor mechanischer Einwirkung von außen.
Kleidung und Windeln sind die erste Hülle, die wir den Kindern nach der Geburt und einem 
ausgiebigen Bonding direkt auf seiner Haut anbieten, die bisher nur mit dem Fruchtwasser in Berührung kam.
Uns Hebammen ist es sehr bewusst, dass die Kinder nie zuvor Kleidung auf ihrer Haut gespürt haben.
Eltern fehlt diese Sensibilisierung nicht selten: Kleidung, wie Windeln werden nach subjektiven Modeempfinden oder Funktionalität angeschafft!!

Eihäute als dritte Hülle,

die Eihäute sind für das Ungeborene existentiell, sie halten das Fruchtwasser, ohne das wäre eine gesunde Entwicklung nicht möglich.

Das Kind könnte seine Extremitäten nicht gesund ausbilden, der Magen-Darm-Trakt und die Nieren würden ungenutzt verkümmern und es könnten Keime zum Kind aufsteigen, die schwere Infektionen verursachen.

Diese dritte Hülle ist also elementar für das Gedeihen.
Nach der Geburt ersetzen sie Liebe, Zuverlässigkeit und das Gefühl, dazuzugehören und mit  seinen Bedürfnissen gesehen zu werden.

Erweitert wird sie durch Aspekt der Fürsorge: Das Kind ist darauf angewiesen, dass ein Erwachsener es umsorgt. Daraus ergibt sich eine gegenseitige Bindung.

Der erste Schritt in Richtung Fürsorge und Bindung ist für werdende Eltern die Antwort auf die Frage, was ihnen selbst in einer Beziehung zu anderen Menschen guttut, was ihnen Sicherheit gibt und was sie brauchen, damit sie Vertrauen aufbauen können.

Wie Eltern die Begleitung ihres Kindes gestalten, ist von vielen Faktoren abhängig.

Ab dem Moment der Geburt machen die Kinder prägende Beziehungserfahrungen. Reagieren 

Eltern und Bezugspersonen prompt, zuverlässig und angemessen auf die Bedürfnisse des Kindes, unterstützen sie es dabei, sich voller Vertrauen auf seinen Weg in die Welt zu machen.

Sind die Reaktionen der Fürsorgenden jedoch dauerhaft unzuverlässig und muss das Kind lange darauf warten, kann die Welt auf Dauer bedrohlich wirken, was nicht selten zu zukünftigen ungesunden Verhaltensmuster führen kann.

Diese Tatsache beschreibt Kinderarzt Herbert Ren Polster in seinem Buch „Erziehung prägt Gesinnung“ sehr anschaulich.

Placenta und Uterus ( Gebär-MUTTER ) als vierte Hülle,

Die Placenta versorgt das Kind rund um die Uhr  mit Nahrung, ein Hungergefühl kennt es nicht.
Der Uterus umschließt das Kind während der gesamten Schwangerschaft-zunächst mit viel Platz.
Im Laufe der Schwangerschaft bietet er eine ständige, sichere Begrenzung.
Stabilisiert und getragen wird das ganze Wunder durch die Beckenboden-Muskulatur und dem Becken.
Mit der Geburt ist diese Grenze plötzlich verschwunden.
Der Raum, den das Kind hat, wird mit einem Mal unendlich! 

Es gibt Kinder, die sich daran überhaupt nicht stören. Es gibt auch jene, die nur eng am Körper der Erwachsenen, eingebunden in ein Tuch, zur Ruhe kommen.

Der Blick auf die schützende Umarmung der Gebärmutter lässt die Frage aufkommen, wie eine ähnlich enge Begrenzung dem Neugeborenen den Start ins Leben leichter machen kann.

Zum Beispiel, ein Tuch das um die Beine gewickelt wird, schenkt den Kindern Begrenzung, hält sie warm und gibt den kleinen Füßen die Möglichkeit, sich gegenseitig zu berühren und zu spüren.

Die noch unwillkürlichen Bewegungsabläufe der Beine werden sanft gebremst und die Kinder erfahren den Halt, den manche brauchen, bis sie im Alter von etwa vier Monaten beginnen, Kontrolle über die Bewegungsabläufe ihrer Beine zu bekommen.

Das Tuch sollte jedoch so locker gebunden sein, dass die für das Stillen wichtigen primitiven Reflexe des Neugeborenen nicht unterdrückt werden.

Ein vollständig um den Körper gewickeltes Tuch hilft unruhigen Babys häufig dabei, zur Ruhe zu kommen; so kann das Gebärmutterheimweh ein bisschen abgemildert werden.

Nach der GEBURT neue HÜLLEN schaffen

Damit sich das Baby nach der Geburt sicher und geborgen fühlt, kannst du ihm eine ähnliche Erfahrungswelt wie in deinem Bauch anbieten.

Creme ersetzt die Käseschmiere (erste Hülle)

Vor der Geburt hat die Käseschmiere die empfindliche Haut deines Babys gewärmt,  genährt und geschützt. Auch nach der Geburt braucht das Baby und seine noch durchlässige Haut Schutz.
Rein pflanzliche Öle und Cremes natürlichen Ursprungs durchwärmen und pflegen die Haut deines Babys.

Kleidung statt Fruchtwasser (zweite Hülle)

Ohne wärmendes Fruchtwasser muss sich das Baby erstmal an die neue Umgebung anpassen und lernen, seine Körpertemperatur selbst zu regulieren.
Kleidung ist dabei wie eine zweite Haut. Diese sollte angenehm weich und wärmend sein.
Mach dir beim Kauf der Babysachen bewusst: Dein Kind hat nie zuvor Stoff auf der Haut gespürt!

Nähe spendet Schutz der Eihäute (dritte Hülle)

Seid eurem Kind körperlich nah.
Umhüllt und begrenzt von euren Armen fühlt sich das Baby geborgen und geschützt.
Ihr wärmt es und helft ihm, allmählich seine Temperatur zu regeln.

Tragen ersetzt die Gebärmutter (vierte Hülle)

Wie eine geschützte Höhle gibt die GebärMUTTER Halt.
Nach einer Geburt sucht das Baby danach, man nennt das auch Gebärmutterheimweh.
Es rudert mit Armen und Beinen, wird unruhig und unsicher, es ist haltlos.
Wird es nicht gehalten, braucht es eine Begrenzung.
In ein Wolltuch einwickeln, einen Pucksack verwenden, oder auch ein Tragetuch anwenden. Ausreichend Körperkontakt tut ihm gut, so kann es dich spüren.

Respekt ersetzt das Becken

Halt braucht ein Baby nicht nur körperlich. Als Eltern gebt ihr ihm Halt auch mit eurer Art  und eurem Verhalten.
Eure Aufgabe ist es, das Wesen und die Individualität des Kindes zu verstehen und anzunehmen,
Unabhängig von euren eigenen Erwartungen.
So kann es sich entwickeln und entfalten!

Alltag spendet Rhythmus

Dein Baby kommt aus einer Erfahrungswelt, die von Rhythmik gekennzeichnet war:
Dem Herzschlag, dem Auf und Ab der Atmung.
Nach der Geburt gibt ein Rhythmus im Alltag dem Baby Sicherheit.
Nicht starre Zeiten, sondern wiederkehrende Abläufe (Rituale) vermitteln dabei Beständigkeit – dem Baby und euch selbst.

Umgebung als äußere Hülle

In deinem Bauch war es nie ganz still. Ständig war es umgeben von einem Rauschen, deinem Herzschlag.
(Ein Meeresrauschen hören die Kinder gerne, es beruhigt)
Rottöne erinnern es an das sanfte Licht, das es aus deinem Bauch kennt.
Auch berührt zu werden kennt es schon, wenn du versucht hast, durch deine Bauchdecke hindurch Kontakt mit ihm aufzunehmen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s